
Was
ist ein Hakama und wer trägt ihn ?
Das
auffallendste Merkmal am Gi eines (fortgeschrittenen) Aikidoka
ist sicherlich der Hakama. Der Hakama, welcher an einen Hosenrock
erinnert, ist ein traditionelles Kleidungsstück der japanischen Samurai, also normale Bekleidung.
Der Gi, der in den meisten anderen Budo-Künsten wie z.B. Judo oder
Karate getragen wird, stellt eigentlich Unterwäsche dar.
Im
japanischen Mittelalter und bis an den Anfang unseres Jahrhunderts
wurden je nach Verwendungszweck unterschiedliche Arten von Hakamas
getragen. Es gab Hakamas für die Fußsoldaten, für Reiter als Beinschutz
oder für Tanzvorführungen.
Im Kampf hatte der Hakama neben seiner Schutzwirkung für die Beine
noch einen anderen Zweck: Er diente dazu, die genaue Stellung der Füße
zu verdecken. Dies hatte eine besondere Bedeutung für den Schwertkampf,
wo man aus der Position der Füße Rückschlüsse
auf den kommenden Angriff oder die zu erwartende Verteidigungsstrategie
ziehen konnte.
Im
heutigen Aikido wird in den meisten Fachverbänden der schwarze Hakama nur von Danen
getragen, in anderen Verbänden schon ab dem fünften Kyu. Es
ist weder falsch noch richtig, ab welcher Graduierung ein schwarzer
Hakama getragen wird. Es ist einfach nur anders. Der tatsächliche
"Wert" der Graduierung eines Budoka wird durch das jeweilige
Individuum vermittelt bzw. ausgedrückt und nicht durch äußerliche
Zeichen.
Aus
traditioneller Sicht allerdings ist es richtig, daß JEDER Aikidoka, unabhängig
von seiner Graduierung, einen (schwarzen) Hakama trägt.
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Saotome
Sensei berichtet hierzu von einem Erlebnis, welches er während seiner
Lehrzeit als persönlicher Schüler beim Begründer des
Aikido hatte:
Als
ich Uchi-deshi bei OSensei war, war jedermann verpflichtet, beim Üben einen Hakama
zu tragen, beginnend beim ersten Mal, wo die Matte betreten wurde. Es
gab keine Beschränkungen, welche Art von Hakama getragen werden
durfte, und daher war das Dojo ein sehr bunter Ort.
Man konnte Hakamas aller Arten, Farben und Qualitäten sehen: Kendo-Hakamas,
gestreifte Hakamas, die im japanischen Tanz verwendet wurden und auch
teure Seidenhakamas, genannt Sendai-hira. Ich glaube, daß manche
der beginnenden Schüler vom Teufel geritten wurden, wenn sie sich
von ihren Großvätern wertvolle Hakamas ausliehen, die nur
dafür bestimmt waren, bei speziellen Anläßen und Feiern
getragen zu werden und dann deren Knie beim Üben von Suwari-waza
durchscheuerten.
Ich
erinnere mich lebhaft an den Tag, als ich meinen Hakama vergessen
hatte. Ich war gerade dabei, die Matte zu betreten, wobei ich nur
meinen Dogi trug, als OSensei mich stoppte. "Wo ist dein Hakama?" wollte er streng von mir
wissen. "Was veranlaßt dich zu denken, du könntest den
Unterricht deines Lehrers erhalten, wenn du nichts anderes trägst,
als deine Unterwäsche? Hast Du keinen Anstand? Es mangelt dir offensichtlich
an der Einstellung und der Etikette, die notwendig sind für jemanden,
der dem Budo-Training folgt. Geh und setz' dich an die Seite und sieh
zu!"
Das
war nur eine von vielen Schelten, die ich von OSensei erhalten
sollte. Meine Ignoranz in dieser Angelegenheit jedoch bewog OSensei
dazu, seinen Uchi-deshi nach dem Unterricht über die Bedeutung des Hakamas einen Vortrag
zu halten. Er erklärte uns, daß der Hakama das traditionelle
Kleidungsstück der Kobudo-Schüler war und fragte uns, ob einer
den Grund für die sieben Falten im Hakama kenne.
"Sie symbolisieren
die sieben Tugenden des Budo", sagte OSensei. "Diese sind
JIN (Güte), GI (Ehre/Gerechtigkeit), REI (Höflichkeit/Etikette),
CHI (Weisheit/Intelligenz), SHIN (Aufrichtigkeit), CHU (Loyalität)
und KOH (Pietät). Wir finden diese Eigenschaften in den hervorragenden
Samurai der Vergangenheit. Der Hakama bringt uns dazu, über die
Natur des wahren BUDO nachzusinnen. Ihn zu tragen, symbolisiert die
Traditionen, die von Generation zu Generation schließlich auf
uns übertragen wurden. Aikido wurde geboren aus dem Geist des japanischen
Bushido (Anm.d.Übers.: Weg des Kriegers), und in unserem täglichen
Üben müssen wir uns bemühen, diese sieben traditionellen
Tugenden zu vervollkommnen."
Derzeit
folgen die meisten Aikido-Dojos nicht der strikten Politik von
OSensei hinsichtlich der Frage des Tragens des Hakama. Seine Bedeutung
degenerierte von einem Symbol traditioneller Tugend zu einem Statussysmbol
für Yudansha
(Anm.d.Übers.: Danträger). Ich bin in vielen Dojos in vielen
Ländern gewesen. An vielen Orten tragen nur die Yudansha einen
Hakama, die Yudansha haben ihre Bescheidenheit verloren. Sie denken
an einen Hakama als eine Auszeichnung, als ein sichtbares Zeichen ihrer
Überlegenheit. Diese Art von Einstellung macht aus der Zeremonie
des Verbeugens in Richtung OSensei, mit der wir den Unterricht beginnen
und beenden, eine Verspottung seines Gedenkens und seiner Kunst.

Noch
schlechter ist es, daß in manchen Dojos von den Frauen mit Kyu-Graden (und
nur von den Frauen) verlangt wird, einen Hakama zu tragen, angeblich,
um deren Anstand zu wahren. Für mich ist das beleidigend und diskriminierend
gegenüber weiblichen Aikidokas. Es ist ebenso beleidigend für
männliche Aikidokas, da es ihnen eine niedere Geisteshaltung unterstellt,
die auf der Aikido-Matte keinen Platz hat.
Es
macht mich traurig, den Hakama solch kleinlichem Gebrauch ausgesetzt
zu sehen. Manchen mag dies als ein ganz gewöhnliches Thema erscheinen, aber ich erinnere
mich gut an die grosse Wichtigkeit, die OSensei dem Tragen des Hakamas
beimass. Ich kann diesem Kleidungsstück nicht seine Bedeutung absprechen,
und keiner, denke ich, kann den großen Wert der Tugenden bestreiten,
die er symbolisiert.
In
meinem Dojo und den angeschlossenen Schulen ermutige ich alle Schüler, unabhängig
von ihrer Graduierung, Hakamas zu tragen. (Ich verlange es aber nicht,
bevor sie ihren ersten Kyu-Grad erhalten haben, da Anfänger in
den Vereinigten Staaten in der Regel keinen japanischen Großvater
haben, dessen Hakama sie borgen können.) Ich fühle, daß
das Tragen eines Hakamas und das Wissen um seine Bedeutung den Schülern
hilft, sich des Geistes von OSensei bewußt zu sein und seine
Idee am Leben zu erhalten.
Wenn
wir es erlauben, die Wichtigkeit des Hakamas verschwinden zu lassen,
werden wir vielleicht auch damit beginnen es zuzulassen, daß fundamentale Dinge aus
dem Geist des Aikido in Vergessenheit geraten. Wenn wir andererseits
aber treu gegenüber OSensei's Wünschen an unsere Übungskleidung
sind, ist unser Geist vielleicht näher an dem Traum, dem er sein
Leben gewidmet hat.